Mit Kraft und Mut
Wir waren offiziell 10 Tage über dem errechneten Termin und ich war ehrlich fertig mit den Nerven. Sanfte Einleitungsmethoden hatten wir in den vergangenen Tagen schon probiert, aber es tat sich einfach nichts. Ich hatte eine Nervenkrise und ging völlig fertig zeitig ins Bett. Um halb vier wachte ich auf - ziehen im Bauch! Ich tat es ab als einen weiteren Fehlalarm und wollte weiterschlafen, aber zwanzig Minuten später wieder - ziehen im Bauch. Ich war schlagartig wach, scheuchte meinen Mann hoch und geriet sofort in einen Arbeitsmodus der Extraklasse. Ich wollte den Pool aufbauen, Kaffee kochen, das Wohnzimmer vorbereiten, meine Playlist hören, am besten alles auf einmal. Mein Mann wollte liegenbleiben und abwarten, also timten wir die Wehen - unregelmäßig waren sie, und auch eher wie Wellen. Definitiv gut auszuhalten. Ich musste plötzlich auf die Toilette, und als ich aufstand, wurden die Wehen sofort heftiger. Die Abstände verkürzten sich schnell und ich konnte nur noch wenige Sachen erledigen.
Stehen war plötzlich anstrengend, reden auch. Ich wurde nervös. Mein Mann rief auf meine Bitte hin um kurz vor fünf Leonie an, die sich langsam fertig machen sollte. Irgendwie war ich als einzige sicher, dass es diesmal wirklich losging und ich hatte Angst, dass wir am Ende doch allein sein würden, weil es vielleicht wieder viel zu schnell gehen könnte. Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt noch entspannt, zumindest bis die erste richtige Wehe eintraf, die mich direkt vors Sofa auf die Knie beförderte. Es war viertel nach fünf. Ich konnte nicht mehr aufstehen und musste mich aufs Atmen konzentrieren. Jetzt war klar, es gibt kein zurück mehr, unsere Tochter macht sich definitiv heute Nacht auf den Weg. Wir riefen Leonie erneut an, um ihr zu sagen, doch lieber nicht mehr langsam, sondern eher schnell zu kommen. Der Pool füllte sich zusehends, aber hier standen wir dann auch schon vor dem ersten richtigen Problem - der Boiler war leer, das Wasser eher kalt. Vielleicht hätten wir doch einen Testlauf machen sollen... Wir beschlossen, damit zu leben und füllten nun Wasserkocherweise heißes Wasser nach. Spoiler: es blieb trotzdem eher kalt :-)
Als Leonie gegen sechs bei uns eintraf, brachte sie ihre Studentin und die Osteopathin mit, die wir zur Geburt eingeladen hatten. Alle suchten sich einen Platz und blieben soweit es ging einfach still im Hintergrund. Ich saß vorm Sofa, die Wehen kamen nun regelmäßig im Abstand von 2-4 Minuten, ließen sich gut veratmen, aber ich wusste, dass es zügig voran ging. Um Viertel vor sieben wurde der 7jährige Sohn meines Mannes von einer Freundin abgeholt, ich stieg in den Pool und konnte mich nun ganz auf mich und die Geburt unserer Tochter konzentrieren. Ich genoss die ruhige Atmosphäre, meine Playlist und das rote Licht, das ich mir ausgesucht hatte. Es war wie eine Höhle, urgemütlich und ich fühlte mich wahnsinnig sicher und gut aufgehoben. Wehe für Wehe tönte ich mich durch die Geburt, nahm um mich herum kaum etwas wahr. Kein Zeitgefühl, kein Kopf für irgendwas, nur mein Baby, mein Mann, ich und die Wehen, die jetzt deutlich an Fahrt aufnahmen.
Mein Mann war die ganze Zeit bei mir, hielt meine Hand, sprach mir leise Mut zu, strich mir die Haare aus dem Gesicht, bot in dem Pausen Wasser an und sorgte sich rührend darum, dass ich alles hatte, was ich brauchte. Und dann ging alles ganz schnell: der Druck nahm auf einmal merklich zu, ich saß auf den Knien im Wasser und Leonie sagte plötzlich, ich dürfe mal tasten und meiner Tochter Hallo sagen, die gleich auf die Welt kommen würde. Da hab ich mich kurz erschrocken, ich hätte nicht gedacht, dass wir schon so weit waren. Ich fühlte ihren kleinen Kopf und wusste, die nächste Wehe würde die Letzte sein. Vor der hatte ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst, die letzte war schon doll gewesen, und ich war mir nicht sicher, ob ich das Aushalten würde.
Ich nahm all meine Kraft und meinen Mut zusammen, atmete tief ein und konzentrierte mich ganz auf meinen Körper - und dann war Paula um 7:35 Uhr plötzlich da. Leonie hat sie rausgefischt und mir auf den Bauch gelegt, mein Mann und ich waren in Tränen aufgelöst und konnten es nicht fassen. Es war so ein schöner Start, für uns alle. Weil das Wasser so kalt war, ließ Leonie das Baby und mich aufs Sofa umziehen, wo wenig später auch die Plazenta unkompliziert von mir geboren wurde. Danach erst nabelte mein Mann unsere Tochter ab. Wir diskutierten noch kurz mit den beiden Hebammen über Nähen oder nicht (wir nähten nicht) und dann war es auch schon geschafft. Stillen, kuscheln, erstes Bonding und die U1, ich ging duschen und auf die Toilette und durfte dann in Ruhe zuhause in mein Wochenbett starten.
Die Geburt war friedlich und wunderschön, Leonie hat uns ruhig begleitet, war aber immer präsent. Sie hat mir komplett meinen Raum gelassen und ich konnte ganz friedlich und in meinem eigenen Tempo meine Tochter auf die Welt bringen. Niemand hat mich zwischendurch untersucht oder angesprochen, es gab kein helles Licht, keine Schichtwechsel und keine übergriffigen Kommentare wie bei den Geburten davor, im Krankenhaus. Ich hatte mir so sehr genau das gewünscht, exakt so, wie wir es dann erleben durften. Das Allerschönste war eigentlich, dass ich im Nachhinein ein Video anschauen konnte, von den letzten zwanzig Minuten. Leonies Studentin hatte mein Handy mitlaufen lassen (das war im Vorfeld abgesprochen, aber ich hatte es total vergessen) - und so habe ich nun jederzeit die Möglichkeit, Paulas Geburt nochmal zu sehen. Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Mann und mich, wie gut wir das gemeinsam hinbekommen haben.